Phantastische Pilze

Pilze gehören zu den faszinierendsten Lebewesen der Natur und sind bekannt-lich keine Pfanzen, sondern eher mit den Tieren verwandt. Sie treiben keine Photosynthese und nutzen keine pflanzliche Zellulose, sondern das von Insekten bekannte Chitin. Das spricht für ihre animalische Natur, was Vegetarier eigentlich nachdenklich machen müsste. Zwar können sie sich nicht aus eigener Kraft bewegen, doch haben sie im Laufe der Evolution raffinierte Strategien entwickelt, ihre Sporen zu verbreiten. Sie können explodieren, nutzen den Wind und die Schwerkraft, die ihren Fruchtkörper samt Sporen bewegt. Sie bedienen sich anderer Lebewesen zur Fortpflanzung wie Ameisen, Käfer und Fliegen, die sie mit Farben und Düften oft sehr heimtückisch anzulocken wissen.

Diese biologische Vielfalt hat den Heidelberger Autor Axel Eiflinger, selbst ein passionierter Pilzesammler, inspiriert, sich mit diesen oft bizarren Lebewesen zu beschäftigen, und das nicht nur kulinarisch. Besonders interessieren den gelernten Kunsthistoriker die ästhetisch oft sehr ansprechenden Wuchsformen. Hinzu kommen die Namen der Pilze, die die deutsche Sprache zum Teil sehr strapazieren und kuriose Wortschöpfungen darstellen. Dahinter verbergen sich die Assoziationen des Menschen, die die Pilze mit Alltagsgegenständen oder Tieren verglichen und benannten. Manche erleben sogar eine Anthropomorphisierung und werden u. a. als Finger, Füsse oder menschliche Geschlechtsteilsteile gesehen, insbesondere die Familie der Phallaceae.

Darüber hinaus verbirgt sich in vielen Pilzen eine interessante Kulturgeschichte, denn Pilze wurden seit altersher als Droge oder Heilmittel konsumiert, zu Leder verarbeitet oder als Zunderschwamm genutzt. Im Rahmen der ökologischen Bewegung wurden einige dieser alten Traditionen neu belebt. Oft erzählen Pilze vom einfallsreichen Leben armer Leute vergangener Zeiten, wie auch häufig von einem heute vergessenen Aberglauben. Diese Welt der Pilze ist also so ideenreich, dass sich der Autor anregen ließ, real existierende Pilze neu zu benennen und phantasievoll zu beschreiben und darüber hinaus eigene Pilze neu zu erfinden. Alle Texte sind im Stil seriöser Pilzbücher geschrieben und wissenschaftlich, d.h. mykologisch korrekt und glaubhaft formuliert. Martin Guido Becker hat diese durchaus humorvollen Texte ebenso phantasie- und lustvoll in kleinen, sehr malerischen Ölskizzen illustriert und so ein wahrlich phantastisches Pilzbuch geschaffen.

Rosiger Ohrstöpseling

Der Rosige Ohrstöpseling (Oropax rosella) ist ein ganzjährig in lichten Laubwäldern zu findender Pilz aus der Familie der Stöpselinge. Er ist leicht an seiner signifikanten Form und der rosigen Farbe mit seidigem Glanz zu erkennen. Seit Jahrhunderten wird er als kleiner Alltagshelfer gesammelt, getrocknet und danach wieder angefeuchtet als Ohrstöpsel verwendet. Schon Goethe beschreibt im Tagebuch seiner Italienischen Reise, wie er sich mit Hilfe des Ohrstöpselings vor dem höllischen Straßenlärm Italiens zu schützen wusste. Noch heute wird er in manchen Theatern nach Größe sortiert in kleinen Tütchen, insbesondere vor Wagner-Opern kommerziell vermarktet. Der Pilz ist grundsätzlich essbar und schmeckt leicht nach Kerzenwachs, doch muss man sich entscheiden, ob er wie beschrieben genutzt oder auch genossen werden will.

Bierbauchling

Der Bierbauchling (Stomachus cervisius) wird heute den Gemeinen Wanstlingen zugeordnet, während er in älteren Pilzbüchern noch zu den Gemeinen Wampen gerechnet wird. Seine blonde, an helles Bier erinnernde Farbe wie auch die Physiognomie bierliebender Menschen gab ihm offensichtlich seinen volkstümlichen Namen. Dieses sehr rundliche Lebewesen scheint einzig allein aus Bauch zu bestehen. Sein knödelartiger Fruchtkörper wird nur im fortgeschrittenen Stadium durch Wulstansätze etwas differenziert. Seine Sporen entlässt der Bierbauchling ähnlich wie der Bovist über ein kleines dunkles Grübchen, das mit Phantasie betrachtet an einen Bauchnabel erinnern kann. Der vor allem in der bayrischen und böhmischen Küche beliebte Bierbauchling soll in Butterschmalz gebraten eine köstliche Delikatesse darstellen.

Teddy-Pilz

Der Teddypilz ist eigentlich ein Gemeiner Strubbelkopfröhrling (Strobilomyces strobilaceus), kurz Strubbelkopf genannt. Schon lange vor dem ersten Teddybären der Firma Steiff war unser Strubbelkopf hierzulande bei Kindern beliebt. Er besitzt nämlich eine flauschig pelzartige und braune Oberfläche, die einem ungekämmten Bärenbabyfell gleicht. Der Pilz wurde von Kindern armer Leute zu kleinen Bärenfiguren zusammen genäht. Als echte Bären in unseren Wäldern noch heimisch waren, dienten diese Proto-Teddys als Schutzzauber vor den gefährlichen Raubtieren, die gerne auch Menschenkinder verspeisten. Erst die bürgerliche Welt des 19. Jahrhunderts entwickelte eine bis dahin neue Tierliebe, so dass auch Bären als niedliche Liebhabeknäuel in die Kinderzimmer einzogen. Leider ist die Kunst des Pilzbärenbastelns heute völlig vergessen.