Letzte Schicht

Stefan Bircheneder im Kunstverein Schwetzingen – 8.- 31. Mai 26 – Mi-So 14-18 Uhr

Trompe-l´œils sind illusionistische Bilder, die das Auge täuschen, wie es der französische Begriff ausdrückt. Schon die alten Römer bzw. die für sie malenden Griechen haben in ihren Wohnhäusern in Pompeji Fenster an die Wand gemalt und so Ausblicke suggeriert, die es real gar nicht gab. Heute nimmt man für solche Effekte und optischen Wohnraumerweiterungen gerne Fototapeten, selbst bei Bodenbelägen, die ein enges Badzimmer imaginär in die Südsee verorten oder in eine alpine Bergwelt. Schlau.

Auch in der Kunst war man seit der Renaissance bei den Trompe l´œils sehr fantasievoll und witzig. Berühmt sind die barocken Scheinkuppeln des Andrea Pozzo in der Jesuitenkirche in Wien, die lediglich viel Farbe kosteten, doch wesentlich billiger waren als eine echte Architektur in Stein. In der niederländischen Malerei finden sich häufiger Gemälde, die an die Wand gedreht scheinen, also nur von hinten gemalt sind, ein ironischer Gag.

Der nun im Schwetzinger Kunstverein ausgestellte Maler Stefan Bircheneder (*1974) aus Waldmünchen bei Regensburg ist ein moderner Augenwischer, der die Räume des Kunstvereins, das Palais Hirsch, in eine abbruchreife Industrieanlage verwandelt, scheinbar. Täuschend echt erscheinen von allen Menschen verlassene Arbeitsräume, Duschen, Toiletten, Stechuhren, Spinde usw., doch alles ist nur gemalt. Auf der „art Karlsruhe“ fiel er mit diesen ungewöhnlichen Motiven auf, weil sie einen anarchistischen und ein wenig subversiven Kontrast zur schönen Kunst für reiche Leute darstellen. 

Bircheneder ist sicherlich kein Kommunist oder Wolf im Schafspelz, doch sensibilisiert seine Kunst für die Arbeitswelt nicht ganz so gut verdienender Menschen, die letztlich den Reichtum der Oberen erwirtschaften. Auch diese Welt hat ihre Ästhetik, obwohl sie rein funktional ist. Doch diese Räume wurden eines belebt, und die nun verschwundenen Menschen haben ihre oft farbigen Spuren hinterlassen. Wie bei der klassischen Interieur- oder Stillleben-Malerei inspirieren sie, über die Abwesenheit des Menschen nachzudenken, sich die Menschen real vorzustellen und über die Vergänglichkeit des Lebens allgemein zu sinnieren.

Der Künstler will nicht unbedingt hässliche Arbeitsbedingungen aufzeigen oder gar anklagen. Er sucht einfach das Menschliche in dieser Welt, gerne auch den privaten Arbeiter und nicht nur den namenlosen Arbeitnehmer. Diese verraten sich durch die persönlichen Requisiten, den vergessenen Rucksack, wie ihn nur junge Leute kaufen würden, oder einen bunten Regenschirm, der wohl eher einer Frau gehört hat. Andere Requisiten wie Handschuhe oder Baustellenhelme entlassen den einzelnen Menschen dagegen wieder in die Anonymität. 

Schon die Pop-Art der 60er Jahre kennt ähnliche Konzepte des Fotorealismus wie auch Streat-Art-Künstler unserer Tage, die ganze Hausfassaden besprühen und in paradiesische oder apokalyptische Immobilen verwandeln. Stefan Bircheneder ist ein solcher Verwandlungskünstler, der uns eine Realität vor Augen führt, die die meisten Besucher eines Kunstvereins nicht kennen. Der Kurator kennt sie, hat vor seinem Studium in einer Fabrik gearbeitet und kann deshalb jetzt schon in Rente gehen. Es ist seine letzte Ausstellung für den Kunstverein im Palais Hirsch, mit dem sinnigen Namen „Letzte Schicht“.  

Dr. Dietmar Schuth