Société noblesse
Lars Teichmann
Der Berliner Maler Lars Teichmann war schon letzten Sommer in Schwetzingen in der Orangerie zu sehen. Im Rahmen der großen Carl-Theodor-Ausstellung des Kunstvereins beeindruckte er mit seinen schwarzen Reitern mit Dreispitz. Er ist einer der seltenen zeitgenössischen Künstler, die sich mit der Aristokratie vergangener Jahrhunderte beschäftigen. So haben ihn die berühmten Gemälde von Diego Velázquez zu einer eigenen Serie inspiriert. Aus dieser Serie sind auch jetzt noch Bilder in Schwetzingen zu sehen, wie auch andere Bilder aus anderen Serien, die zum Thema der Ausstellung „Société noblesse" passen.
Lars Teichmann sucht nach der noblen Schönheit dieser Epoche, dem Leben in prachtvollen Schlössern und reizenden Lustgärten – wie in Schwetzingen. Seine Bilder vom antiken Halbgott Perseus mit dem Haupt der Medusa und der Ceres als Göttin des Ackerbaus mit der Sichel in der Hand finden sich als Gartenfiguren in vielen Gärten des Barock. Während sie für die Fruchtbarkeit steht, repräsentiert er die Zerstörung und beide zusammen die Dialektik des absolutistischen Zeitalters, das nicht nur schön war, sondern auch für Kriege und die Armut und Unterdrückung der Bevölkerung steht.
Doch allzu politisch ist diese Ausstellung nicht. Die Ästhetik steht letztlich über allen Dingen. In seiner neusten Serie nähert sich der Künstler einem eher heiteren Thema, den bunten Vögeln. Aus bunten Farben generierte Wesen tummeln sich wie in Volieren eingefangen und hocken wie Vögel in einem zum Gitter verflochtenen Astwerk. Das erinnert an die Volieren des „Vogelbades" und die Pergolen im Schwetzinger Schlosspark.
Selbst das Schwetzinger Porzellanhäuschen ist als Assoziation möglich in Teichmanns Serie der „Delfter Leftovers." Delfter Fayencen und Chinaporzellan waren bekanntlich im 18. Jahrhundert sehr beliebte Luxuswaren, die nahezu jeder Fürst gerne sammelte. Eine andere Gruppe von Bildern dieser Ausstellung zeigt weitere Requisiten des höfischen Lebens, das Teichmann in sinnlichen Stillleben allerdings bis hin zu einem riesigen Hummer, der die fürstlichen Essgelage illustriert mag.
Auch bei den Figurenporträts sucht der Maler die barocke Ästhetik, die in den Gesichtern aber nicht immer zu finden ist, so doch in den prunkvollen Kleidern der adligen Damen, ihren Frisuren und Assesoires. Die Gesichter lässt Teichmann oft als Infinito leer oder überschüttet mit großen Farbklecksen, worin sicherlich auch ein kritischer Gestus zu erkennen ist, der irgendwie respektlos erscheint, den Blick des Betrachters jedoch auf das Wesentliche lenkt: die Malerei.
Diese Malerei ist sehr kraftvoll, gestisch und doch einem Realismus verpflichtet, der freilich sehr energisch und manchmal auch aggressiv erscheint. Davon sind vor allem die männlichen Figuren betroffen, die oft in dunklen Farben sehr expressiv und bedrohlich gemalt sind. Ein ganz in Schwarz- und Grautönen gehaltenes Bild lässt sich als ein apokalyptischer Reiter deuten.
Lars Teichmann wurde 1980 in Burgstädt geboren, unweit von Chemnitz. Von 2002 bis 2008 studierte er Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin, wo er auch heute noch lebt. In der DDR hätte Teichmann sicherlich nicht so arbeiten können, wie heute. Sein Sujet, die adlige Welt, war damals politisch höchst suspekt. Auch seine Malweise ist weit vom sozialistischen Realismus entfernt, wie auch von der Leipziger Schule, die nach der Wende als neue figurativer Malerei international Furore machte. Man denke z.B. an Mathias Perlet aus Leipzig, den der Kunstverein 2012 präsentierte. Auch Daniel Sambo-Richter aus Cottbus ist vergleichbar (in der Orangerie 2023). Er und Teichmann aber beweisen, dass auch das wieder Geschichte ist, und die Malerei seitdem wieder frei ist.
Dr. Dietmar Schuth

