WHO CARES?!

Eine Frage als Auftakt

Mit WHO CARES?! beginnt Julia Benz ihre Arbeit als neue künstlerische Leiterin des Kunstvereins Schwetzingen. Die Ausstellung knüpft an die langjährige Arbeit des Kunstvereins an und eröffnet zugleich eine neue Perspektive – eine, die fragt, bevor sie antwortet.

Im Zentrum steht eine einfache, zugleich offene Frage: Who cares? Wer kümmert sich? Wer trägt Verantwortung? Und wer schaut weg?

Der Titel lässt dabei unterschiedliche Lesarten zu. Man kann ihn mit einem Achselzucken sagen: Wen kümmert's? Man kann ihn als echte Frage stellen: Wer sorgt? Wer trägt Verantwortung für die, die sich kümmern? Und man kann ihn als Aufforderung lesen: kümmere dich. Gerade dieses Spannungsfeld bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung.

Die Frage ist nicht neu

Im Oktober 1969 schrieb die amerikanische Künstlerin Mierle Laderman Ukeles ein Manifest. Sie hatte gerade ihr erstes Kind bekommen und erklärte alle Arbeit, die das Leben am Laufen hält – waschen, kochen, sich kümmern – zur Kunst. Alle Institutionen lehnten ab. Heute gilt das Manifest als Schlüsseltext des 20. Jahrhunderts.

Fast sechzig Jahre später eröffnen wir in Schwetzingen eine Ausstellung über Sorge. Das sagt etwas darüber, was sich bewegt hat. Und darüber, wie viel noch fehlt.

Drei Positionen, drei Perspektiven

WHO CARES?! versammelt drei künstlerische Positionen, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Arbeit, Körper, Sichtbarkeit und institutionellen Strukturen auseinandersetzen. Die Ausstellung führt sie nicht zu einer einzigen Aussage zusammen – ihre Unterschiede sind Teil des Konzepts.

Den strukturellen und ökonomischen Ausgangspunkt bildet Disruptive Realities von Stefanie Schweiger und Friederike von Rauch. Grundlage sind Gespräche mit mehr als zwanzig Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen und Disziplinen. Video, Fotografie, Text, Audio und statistisches Material verbinden persönliche Erfahrungen mit Fragen nach Arbeit, sozialer Absicherung und künstlerischer Autonomie. Eine Zahl dazu: Laut Künstlersozialkasse verdienen bildende Künstlerinnen im Schnitt rund 17.500 Euro im Jahr, ihre männlichen Kollegen knapp 25.000. Das ist ein Unterschied von fast 30 Prozent. Sichtbar werden damit Bedingungen, die hinter dem fertigen Werk häufig unsichtbar bleiben.

Jagoda Bednarsky richtet den Blick auf den Körper und das Selbstbild. Ihre Malerei verbindet Motive aus Kunstgeschichte, Popkultur und persönlicher Erfahrung. In der Werkserie Shadowland wird die weibliche Brust zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit Körperbildern, Fürsorge und gesellschaftlicher Wahrnehmung – heilig, erotisch, und fast nie das, was sie für viele Frauen im Alltag ist: Arbeit. Bednarsky nimmt die Schönheit, die man Künstlerinnen als Mangel vorwirft, und macht daraus eine Strategie. Humor ist dabei keine Abschwächung, sondern eine Waffe.

Mit STILLGESTANDEN untersucht Teresa Halbreiter das Verhältnis von Individuum und Institution. Ihre Fotografien porträtieren Frauen innerhalb der Bundeswehr – nicht in Heldinnenposen, sondern im Kleinen: das Haargummi unter dem Barett, eine Katze auf dem Arm einer Soldatin, eine schwangere Frau in Uniform. Frauen dürfen in Deutschland erst seit 2001 uneingeschränkt in der Truppe dienen. STILLGESTANDEN ist ein Befehl. Und eine Frage: Steht hier etwas still?

So begegnen sich drei Perspektiven: das System, der Körper, die Institution.

Der Ort

Das Palais Hirsch wurde 1748 für den Beichtvater des Kurfürsten Carl Theodor gebaut – für einen Mann, dem man anvertraute, was man sonst niemandem sagt. Für eine Ausstellung, in der ausgesprochen wird, was lange verschwiegen wurde, gibt es schlechtere Orte. Nur bleibt es diesmal nicht im Beichtstuhl.

Kunst geht nach draußen

Ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung ist die Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Kollektiv The GAP Project. Als Programmpartnerin gestaltet The GAP Project ein begleitendes diskursives und performatives Rahmenprogramm – damit WHO CARES?! nicht an der Ausstellungstür endet.

Am Samstag, 17. Oktober 2026, 13:30 Uhr bespielt das Kollektiv Mütterkünste mit der Performance macht:platz den Vorplatz des Palais Hirsch. Das partizipative Projekt fragt aus feministischer Perspektive, wie Räume gestaltet sein müssen, damit sich unterschiedliche Menschen dort sicher und frei bewegen können.

Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, 18 Uhr lädt der Runde Tisch WHO CARES?! ins Palais Hirsch ein. Verschiedene Stimmen aus Kunst und Kultur kommen miteinander ins Gespräch. Ein leerer Stuhl bleibt für Besucherinnen und Besucher frei – denn auch das Publikum ist eingeladen, Teil des Gesprächs zu werden.

Mit dabei sind:
Nikias Herzhauser und Bertrand Unger (Plaku App, Heidelberg)
Vanessa Böhme (Büro Brutal, Mannheim)
Dr. Kristina Hoge (Xylon Museum, Schwetzingen)
Dr. Barbara Gilsdorf (Kulturamt Schwetzingen)
Freya Magnet (Verein gegen Müdigkeit, Heidelberg)
Julia Benz (Kunstverein Schwetzingen & The GAP Project, Heidelberg)

Keine fertigen Antworten

WHO CARES?! versteht sich als Einladung, genauer hinzusehen – und eine Frage mitzunehmen. Nicht als Vorwurf. Als Einladung.

Who cares?!

Vielleicht liegt gerade darin ihre Stärke.

Laufzeit: 10.–30. Oktober 2026 | Palais Hirsch, Schlossplatz 2, Schwetzingen
Vernissage: Freitag, 9. Oktober 2026, 18 Uhr
Eintritt frei

Öffnungszeiten:
Regulär: Mittwoch bis Sonntag, 14–18 Uhr

Abweichende Öffnungszeiten:
Sa. 17. Oktober – 11:00–15:00 Uhr (Performance 13:30 Uhr)
So. 18. Oktober – 11:00–15:00 Uhr
Mi. 21. Oktober – 15:00–19:00 Uhr
Sa. 24. Oktober – 11:00–14:30 Uhr

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